Sozialwissenschaften in der Oberstufe

Jugend und Politik – das passt doch nicht, oder?!

Umfrage in den Oberstufen am Emsland-Gymnasium und am Gymnasium Dionysianum Rheine

09.01.10

Wir, die Schülerinnen und Schüler zweier Sozialwissenschaftskurse vom Gymnasium Dionysianum und Emsland-Gymnasium (Jg. 11), haben uns im Zusammenhang mit der Bundestagswahl im September 2009 mit dem Problem der rückläufigen Wahlbeteiligung von Jugendlichen und Jungwählern auseinandergesetzt und uns die Frage gestellt, ob die Jugendlichen wirklich so unpolitisch sind, wie es heißt. Wir beschäftigten uns hierbei zunächst mit statistischen Daten zur Wahlbeteiligung Jugendlicher, aber auch mit demografischen Befunden und Zukunftsprognosen zum Verhältnis der wahlberechtigten Bevölkerung nach Altersgruppen. Hieraus entwickelten wir Hypothesen (Vermutungen) darüber, warum etwa das Interesse an politischen Parteien so niedrig ausfällt. Es entstand hiervon ausgehend ein Fragebogen, mit dem wir eine Umfrage zum Thema „Jugend und Politik“ in unseren Oberstufen bei 555 Schülerinnen und Schülern durchführten.

Die Ergebnisse haben wir dann in gemeinsamer Arbeit ausgewertet: 60% der Befragten waren interessiert bis stark interessiert, was sich auch in deren Freizeitverhalten widerspiegelt: Fast 85% der Jungwähler engagieren sich in einem Verein. Aber wir konnten auch feststellen, dass etwa 40% unserer Oberstufenschüler sich wenig bis gar nicht für Politik interessieren. Hiervon ausgehend fragten wir uns, welche Gründe es geben kann, dass etwa das Engagement in Parteien mit nur 1,5% der Befragten so gering ausfällt. Die überwiegende Mehrzahl der Jugendlichen gab an, dass sie sich auf einer Skala von 1 bis 5 von keiner Partei sehr gut vertreten fühlen, und auch der Wahlkampf wurde von über 60% als weniger gut bezeichnet. Eine grundlegend ablehnende Haltung gegenüber Parteien kann jedoch nicht festgestellt werden: viele Befragte haben durchaus Vertrauen in die Lösungsfähigkeit der Parteien, lediglich die Linke und die NPD schnitten diesbezüglich schlecht ab. Die Bereitschaft, an der bevorstehenden Bundestagswahl teilzunehmen, bekundeten insgesamt 85,6%. Zudem kann festgehalten werden, dass gerade die Jugendlichen und Jungwähler, die sich für Politik interessieren, sich auch besser über die Parteiprogramme informieren und eine höhere Wahlbereitschaft aufweisen. Des Weiteren wurde abgefragt, welche Einstellung die Oberstufenschüler und –schülerinnen zu einem durch die Eltern bis zur Volljährigkeit ausgeübten Wahlrecht ab Geburt haben. Das Votum fiel deutlich mit 87% gegen diesen Vorschlag aus.

Im Anschluss an die hypothesengeleitete Datenauswertung führten wir eine Diskussion zur Frage: „Wie kann die aktive Beteiligung an Politik bei Jugendlichen wieder erhöht werden“ durch. Zu dieser luden wir am 17.12.2009 die Bundestagsabgeordneten Ingrid Arndt-Brauer und Jens Spahn sowie die Vertreter von Jugendamt und Stadtjugendring Annette Wiggers und Hans-Georg Hüske ein. Ergebnis dieser Veranstaltung war insbesondere, dass auch die Parteipolitiker, wie Jens Spahn es ausdrückte, kein „Patentrezept“ zur Ausgangsfrage präsentieren können. Gleichzeitig wiesen sie aber auch darauf hin, dass bereits das Durchführen einer solchen Diskussion und das Engagement für eine Sache, die man mit anderen und auch für andere macht, eine Form von politischer Partizipation seien. Herr Hüske und Frau Wiggers zeigten anhand der Jugendarbeit in der Stadt Rheine etwa zum Bleiberecht oder zur Einrichtung verschiedener Freizeitanlagen auf, dass Jugendliche durchaus in Projekten ihre Vorstellungen und Ziele auf kommunaler Ebene auch längerfristig durchsetzen können und so ein Engagement und auch Verantwortung für unsere Gesellschaft zeigen. Gerade das Handeln vor Ort sei ein gutes Beispiel für die Partizipationsbereitschaft von Kindern und Jugendlichen, so die Vertreter der Stadtjugendarbeit. Die an der Diskussion beteiligten Schülerinnen und Schüler thematisierten vor dem Hintergrund der rückläufigen Wahlbeteiligung vor allem, dass die Skepsis gegenüber den Parteien und das abstrakte Politikgeschäft auf Bundesebene für sie Gründe seien, sich weniger an parteipolitischer Arbeit und Wahlen zu beteiligen. Des Weiteren erklärten sie, dass ein Wahlrecht, das durch die Eltern stellvertretend ausgeführt wird, kein akzeptabler Ersatz für die eigene Stimme darstelle. Vielmehr forderten sie eine Herabsenkung des Wahlalters auf Bundesebene, da auch die Umfrage gezeigt hat, dass wahlberechtigte Jugendliche mehr politisches Interesse zeigen als nicht-wahlberechtigte.

Polittalk am Dio Polit-Talk am Dio (Bild: K. Langen)

Insgesamt kann also festgehalten werden, dass Jugendliche, entgegen unserer zunächst aufgestellten Hypothesen, durchaus Interesse an Politik haben, sofern diese sie und ihr Umfeld selbst betrifft. Die Skepsis gegenüber den Parteien scheint hingegen ein Hemmnis zu mehr aktiver Beteiligung über die Kommunalpolitik hinaus zu sein.

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